Bildung in Tansania

Aus Anlass der großzügigen Spende und Übernahme von Seles Schulgebühren für das gesamte Schuljahr, möchte ich einen kurzen Überblick über das Bildungswesen Tansanias geben.

Wie in den meisten Entwicklungsländern, ist auch das Bildungssystem in Tansania ein Erbe des Kolonialismus und – am Festland – der Missionierung. Das westliche System und seine Sprache wurde dem Land quasi übergestülpt, vorkoloniale Systeme verdrängt, mit dem Ziel, Personen für die Kolonialverwaltung auszubilden. Ein Großteil der Bevölkerung war ausgeschlossen, berufsbildende und technische Disziplinen wurden vernachlässigt. Durch die Kirche und lokale Initiativen entstanden private Schulen und Lehrerausbildungseinrichtungen. So war das Bildungssystem bei der Dekolonisierung 1962 sehr heterogen und trotz Unabhängigkeit führten wirtschaftspolitische Interessen der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien zu einer Weiterführung des Systems: Strukturen, Lehrpläne und –methoden, Unterrichtssprache, Verwaltungs- und Prüfsysteme blieben dieselben. In Tansania kam es jedoch unter Präsident Julius Nyerere und seinem Ujamaa-Sozialismus zur Herausbildung der „Education for Self-Reliance“, ein nationales Schulsystem, im Zuge dessen private Schulen verstaatlicht und zahlreiche Sekundarschulen gebaut wurden. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass auch Nyereres Konzept geprägt war von der europäischen politisch-philosophischen Auffassung eines sozialistischen Modells.

Das System konzentrierte sich vor allem auf die Bedürfnisse der Landbevölkerung, die Grundschulbildung sollte für alle ermöglicht werden. Dies gelang zwar bis Ende der 1970er Jahre (fast 100%), Tansania hatte die höchsten Alphabetisierungsraten Afrikas. Doch das alternative System konnte sich langfristig nicht durchsetzen. Die Lehrerkapazitäten konnten den plötzlichen großen Andrang nicht befriedigen, die finanziellen Möglichkeiten reichten nicht aus, um eine vertretbare Qualität zu schaffen. Aufgrund des Arbeitskräftebedarfs wurde der Sekundarschulsektor klein gehalten, nur 5% der Schüler_innen konnten die Prüfung, die den Übergang in die Sekundarstufe ermöglichte, positiv ablegen. Die Regierung musste schon bald dem Druck lokaler Initiativen nachgeben und die Wiedereinrichtung privater Sekundarschulen zulassen. Dies stellte den Anfang des Wiederentstehens eines privaten Schulsektors in Tansania dar.

Durch die wirtschaftliche Rezession der 1980er Jahre musste Tansania, so wie der Großteil ehemaliger Kolonien, im Rahmen der sogenannten Strukturanpassungsprogramme seine öffentlichen Ausgaben kürzen, was einen drastischen Rückgang der Bildungsbeteiligung zur Folge hatte. Die Einschulungsraten im Primarsektor sanken allein zwischen 1990 und 1993 von 90% auf nur 53,2%. Aufgrund der Bildungsmisere definierte die UNO mit dem EFA-Ansatz (Education for all) das Ziel der universellen Grundbildung für alle bis 2015, woraufhin es seit Mitte der 90er zu einem Wiederanstieg der Einschulungsraten kam.

Die weltweite Kommerzialisierung der Bildung hat großen Einfluss auf die Bildungssysteme der Entwicklungsländer, so steigt auch in Tansania das Angebot privater Bildungseinrichtungen, es kommt zum Abbau staatlicher Institutionen. Dies führt zu einer sozialen Polarisierung und schränkt Bildungsmöglichkeiten für ärmere gesellschaftliche Schichten ein. Trotz der Einführung des EFA und 20 Jahre langer Förderung von Primarschulbildung, konnte bislang Armut nicht gemindert werden, zudem stellt sich die Frage, ob die starke Konzentration auf die Grundschule nicht zu einer Festigung der bestehenden globalen Arbeitsteilung führt. Viel zu wenig wird Erwachsenenbildung, Berufsbildung und der Einsatz von Bildung für die Bekämpfung von Problemen wie HIV/AIDS gefördert.

Sinkende Mittel führen in Tansanias Primarschulen zu einem „Cost-Sharing“, das heißt Eltern werden dazu aufgefordert, sich an den Kosten für den Schulbetrieb zu beteiligen, Prüfungskosten und Unterrichtsmaterial, sowie die verpflichtende Schuluniform zu bezahlen, was vor allem die ärmsten Familien überfordert. Dazu können die schlecht ausgestatteten Klassenräume die Zahl der Schüler gar nicht fassen. Vor allem durch das weit verbreitete „Tuition-System“ (Nachhilfe) wird Bildung immer teurer, da die Qualität des Unterrichts nicht ausreicht, um staatliche Prüfungen zu bestehen. Im Extremfall unterrichten die stark unterbezahlten Lehrer_innen nicht während der Unterrichtszeit, sondern erteilen nach oder vor dem Unterricht bezahlte Nachhilfe. Dies stellt eine der größten Hürden für den Besuch der Sekundarschule dar. Von Qualität und Chancengleichheit im Bildungssektor ist man in Tansania weit entfernt! Parallel zu den bildungspolitischen Herausforderungen läuft derzeit die Reform der Local Governments, die zukünftig für soziale Dienstleistungen wie Bildung und die Bezahlung der Primarschullehrer verantwortlich sein sollen.

Einige Zahlen zur Bildungssituation in Tansania:

Die Einschulungsraten im Primarsektor betrugen im Jahr 2007 74% (Jungen 76%, Mädchen 71%), sie liegen damit im gesamtafrikanischen Durchschnitt. In der Grundschule kommen auf 53 Schüler_innen eine Lehrer_in. In der Regel teilen sich 3-4 Kinder ein Schulbuch.
Gerade mal 83% der eingeschulten Kinder schließen die Grundschule überhaupt ab (7 Pflichtjahre). Im Sekundarsektor betrugen die Einschulungsraten nur mehr 33% (Jungen 37%, Mädchen 29%). Die Abschlussprüfung der Schulstufe Form IV (bei uns entspricht dies etwa dem Pflichtschulabschluss) betrug im Jahr 2006 35,7%.
Lediglich 1% der Bevölkerung befindet sich in Tertiärbildung.
Die Alphabetisierungsrate betrug unter den 15 bis 24 Jährigen 77,5% (78,9% Jungen, 76,2% Mädchen). Insgesamt betrug die Alphabetisierungsrate 72.3% (79,0% Männer, 65,9% Frauen).

Quellen und weitere Infos:
Davidson E. (2004) The Progress of the Primary Education Development Plan (PEDP) in Tanzania: 2002-2004. HakiElimu Working Papers.
Langthaler, Margarita (2005): Bildung im Süden. In: Gächter, August; Kolland, Franz (Hg.): Einführung in die Entwicklungssoziologie. Themen, Methoden, Analysen.Wien: Mandelbaum.
Müller, Ingo (2000): Zur Situation des Bildungswesens in Tansania. In: Tanzania-Network: Bildung. S. 10-11.
In: http://tanzania-network.de/download/HabarisOnline/2000_1.pdf
UNESCO Institue of Statistics (2007: Tanzania – Education Statistics. In: http://stats.uis.unesco.org/unesco/TableViewer/document.aspx?ReportId=198&IF_Language=eng&BR_Country=7620
United Republic of Tanzania (2007): Poverty and Human Development Report. In: http://planipolis.iiep.unesco.org/upload/Tanzania%20UR/Tanzania_NHDR_2007.pdf
Woods, Eric (2007): Tanzania country case study – UNESCO. In: http://unesdoc.unesco.org/images/0015/001555/155592e.pdf

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