Stellt dir einmal vor, du müsstest einen ganzen Tag ohne Strom auskommen.
Der Wecker läutet nicht – außer vielleicht die Weckfunktion des – noch – aufgeladenen Handys. Du würdest verschlafen. Die Kaffeemaschine streikt – Instantcafe mit kaltem Wasser? Dann lieber doch müde bleiben. Auch das Frühstücksradio kann dich heut nicht aufheitern. Die Milch im Kühlschrank ist schon lauwarm, aber zum Müsliessen muss es reichen. Stress breitet sich aus, schneller Sprung unter die eiskalte Dusche. Und die elektrische Zahnbürste? Und der Fön? Und Schminken im Halbdunklen? Sei zur Abwechslung mal nicht so eitel und, dass du bei der mangelnden Beleuchtung keine zusammenpassenden Socken findest ist jetzt auch egal….
Schnell ins Büro. Auf den Straßen herrscht das Chaos, die Ampelschaltung ist ausgefallen, du entscheidest dich für die Straßenbahn, aber… ach ja, die hängt ja auch am Stromnetz. Dann gehst du halt zu Fuß, Bewegung am Morgen soll bekanntlich ohnehin gut tun, dass der Lift in der Arbeit zwischen den Stockwerken hängt trägt auch nur zur Gesundheit bei. Deine Emails checken? Wichtige Telefonate führen? Dann arbeitest du heute eben einmal nicht…
Auf zum Supermarkt, wo die Angestellte sich heute im Kopfrechnen übt, nachdem die Feuerwehr die elektrischen Türen aufgebrochen hat. Die Tiefkühlkost zerrinnt im wiederverwendbaren Einkaufsackerl und tropft die Kerzen naß. Milch hat es keine gegeben, weil kein Bauer mehr weiß, wie man von Hand melkt, aber das tut ja jetzt auch nichts zur Sache….
Hungrig und entnervt kommst du endlich zu Hause an. Was ißt du jetzt bloß? Brot oder Cornflakes sind das einzige, was nicht gekocht werden müsste. Dass du deine Sachen für den nächsten Tag nicht waschen kannst, ist angesichts der Tatasache, dass die Arbeit lahm liegt, wirklich nebensächlich. Und mit kaltem Wasser machst du dir doch nicht die Hände kaputt. Dann wieder unter die kalte Dusche, oder interessiert es dich heute nicht, ob du nach Joghurt und Honig riechend am Sofa ausspannst, um das Privatleben deiner Freunde auf Facebook zu erkunden, während im Hintergrund Desperate Housewifes läuft? Achso, das war wohl wieder nichts. Deine beste Freundin anrufen kannst du jetzt auch nicht, dein Handy verbraucht wohl doch mehr Akku, als du gedacht hast und hat sich gerade mit dreifachem Piep von dir verabschiedet. Morgen wieder kein Wecker. Was bleibt also übrig? Lesen. Bei Kerzenschein doch etwas anstrengend mit der Zeit. Geh doch einfach schlafen…
Wir verbrauchen Strom in unserem Alltag völlig unbewusst. Strom ist eine Nebensache, vielleicht die wichtigste Nebensache der Welt? Sei doch ehrlich, dein Leben würde kopfstehen ohne Strom.
Nun stell dir ein anderes Szenario vor, eines, in dem ein Tag ohne Strom keine Abnormalität oder Katastrophe darstellt, sondern etwas ganz Alltägliches….
Für den Großteil der ländlichen Bevölkerung Zanzibars ist das Leben ohne Strom Alltag. So auch für Mgeni und ihre Familie.
In der Früh weckt sie der Hahn, falls sie nicht von der unerträglichen Hitze, der stehenden Luft und den summenden Moskitos wach geworden ist. Wie angenehm wäre bei solchen Temperaturen manchmal ein Ventilator? Sie geht hinaus, sucht ein paar Kokosnussschalen zusammen, zündet ein kleines Feuer an und kocht Tee. Sie weckt die Kinder, Sele muss in die Schule. Er wäscht sich schnell mit dem halbvollen Kübel Wasser, der noch vom Vortag übrig geblieben ist, zieht seine Uniform an und marschiert los. Mgeni baut noch eine Feuerstelle, stellt ihre Kochtöpfe darauf und beginnt, Reis und Spinat zu kochen. Am späteren Vormittag wird sie das Essen zu Fuß zum Markt bringen und versuchen, es zu verkaufen. Ihre Töchter gehen in der Zwischenzeit zum nächsten Brunnen, 20 Minuten entfernt, holen Wasser und waschen die Wäsche. Am Brunnen hören sie den neuesten Klatsch und Tratsch aus dem Leben der anderen. Die Kinder stellen sich der Reihe nach auf und warten, bis sie an der Reihe sind in den Bottich mit kaltem Wasser zu springen und abgerubbelt zu werden. Am späten Nachmittag kommt auch Sele langsam nach Hause, die Sonne geht bald unter. Er hofft, dass er mit den Hausaufgaben fertig wird, bevor das ganze Haus von der Dunkelheit verschluckt wird. Das Essen, dass am Markt übrig geblieben ist, wird auf der Feuerstelle wieder aufgewärmt und die Nachbarn bringen ihre Reste vorbei . Sie zünden die kleine Petroleumlampe an, damit sie wenigstens nicht im Dunkeln essen müssen. Alles muss aufgegessen werden, bis morgen wird es durch die Hitze ungenießbar sein. Ein wenig wird noch geplaudert, dann gehen alle schlafen, das Petroleum darf nicht unnötig verschwendet werden. Dunkelheit auf Zanzibar ist vor allem eines: still.
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